Bibel in einem Jahr (optional)
Fest stehen und gesandt werden · Band 3
Klagelieder 1–3
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Klagelieder 1
1Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Heiden; und die eine Königin in den Ländern war, muß nun dienen.
2Sie weint des Nachts, daß ihr die Tränen über die Wangen laufen; es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröstet; alle ihre Nächsten sind ihr untreu und ihre Feinde geworden.
3Juda ist gefangen in Elend und schwerem Dienst; sie wohnt unter den Heiden und findet keine Ruhe; alle ihre Verfolger halten sie übel.
4Die Straßen gen Zion liegen wüst; weil niemand auf ein Fest kommt; alle ihre Tore stehen öde, ihre Priester seufzen; ihre Jungfrauen sehen jämmerlich, und sie ist betrübt.
5Ihre Widersacher schweben empor, ihren Feinden geht's wohl; denn der HERR hat sie voll Jammers gemacht um ihrer großen Sünden willen, und ihre Kinder sind gefangen vor dem Feinde hin gezogen.
6Es ist von der Tochter Zion aller Schmuck dahin. Ihre Fürsten sind wie die Widder, die keine Weide finden und matt vor dem Treiber her gehen.
7Jerusalem denkt in dieser Zeit, wie elend und verlassen sie ist und wie viel Gutes sie von alters her gehabt hat, weil all ihr Volk darniederliegt unter dem Feinde und ihr niemand hilft; ihre Feinde sehen ihre Lust an ihr und spotten ihrer Sabbate.
8Jerusalem hat sich versündigt; darum muß sie sein wie ein unrein Weib. Alle die sie ehrten, verschmähen sie jetzt, weil sie ihre Blöße sehen; sie aber seufzt und hat sich abgewendet.
9Ihr Unflat klebt an ihrem Saum; sie hätte nicht gemeint, daß es ihr zuletzt so gehen würde. Sie ist ja zu greulich heruntergestoßen und hat dazu niemand, der sie tröstet. Ach HERR, siehe an mein Elend; denn der Feind prangt sehr!
10Der Feind hat seine Hand an alle ihre Kleinode gelegt; denn sie mußte zusehen, daß die Heiden in ihr Heiligtum gingen, von denen du geboten hast, sie sollen nicht in die Gemeinde kommen.
11All ihr Volk seufzt und geht nach Brot; sie geben ihre Kleinode um Speise, daß sie die Seele laben. Ach HERR sieh doch und schaue, wie schnöde ich geworden bin!
12Euch sage ich allen, die ihr vorübergeht; Schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat; denn der HERR hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zorns.
13Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt und es lassen walten. Er hat meinen Füßen ein Netz gestellt und mich zurückgeprellt; er hat mich zur Wüste gemacht, daß ich täglich trauern muß.
14Meine schweren Sünden sind durch seine Strafe erwacht und in Haufen mir auf den Hals gekommen, daß mir alle meine Kraft vergeht. Der Herr hat mich also zugerichtet, daß ich nicht aufkommen kann.
15Der Herr hat zertreten alle meine Starken, die ich hatte; er hat über mich ein Fest ausrufen lassen, meine junge Mannschaft zu verderben. Der Herr hat der Jungfrau Tochter Juda die Kelter getreten.
16Darum weine ich so, und meine beiden Augen fließen mit Wasser, daß der Tröster, der meine Seele sollte erquicken, fern von mir ist. Meine Kinder sind dahin; denn der Feind hat die Oberhand gekriegt.
17Zion streckt ihre Hände aus, und ist doch niemand, der sie tröste; denn der HERR hat rings um Jakob her seinen Feinden geboten, daß Jerusalem muß zwischen ihnen sein wie ein unrein Weib.
18Der HERR ist gerecht; denn ich bin seinem Munde ungehorsam gewesen. Höret, alle Völker, schauet meinen Schmerz! Meine Jungfrauen und Jünglinge sind ins Gefängnis gegangen.
19Ich rief meine Freunde an, aber sie haben mich betrogen. Meine Priester und Ältesten in der Stadt sind verschmachtet; denn sie gehen nach Brot, damit sie ihre Seele laben.
20Ach Herr, siehe doch, wie bange ist mir, daß mir's im Leibe davon weh tut! Mein Herz wallt mir in meinem Leibe, weil ich so gar ungehorsam gewesen bin. Draußen hat mich das Schwert und im Hause hat mich der Tod zur Witwe gemacht.
21Man hört's wohl, daß ich seufze, und habe doch keinen Tröster; alle meine Feinde hören mein Unglück und freuen sich; das machst du. So laß doch den Tag kommen, den du ausrufest, daß es ihnen gehen soll wie mir.
22Laß alle ihre Bosheit vor dich kommen und richte sie zu, wie du mich um aller meiner Missetat willen zugerichtet hast; denn meines Seufzens ist viel, und mein Herz ist betrübt.
Klagelieder 2
1Wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet! Er hat die Herrlichkeit Israels vom Himmel auf die Erde geworfen; er hat nicht gedacht an seinen Fußschemel am Tage seines Zorns.
2Der Herr hat alle Wohnungen Jakobs ohne Barmherzigkeit vertilgt; er hat die Festen der Tochter Juda abgebrochen in seinem Grimm und geschleift; er hat entweiht beide, ihr Königreich und ihre Fürsten.
3Er hat alle Hörner Israels in seinem grimmigen Zorn zerbrochen; er hat seine rechte Hand hinter sich gezogen, da der Feind kam, und hat in Jakob ein Feuer angesteckt, das umher verzehrt.
4Er hat seinen Bogen gespannt wie ein Feind; seine rechte Hand hat er geführt wie ein Widersacher und hat erwürgt alles, was lieblich anzusehen war, und seinen Grimm wie ein Feuer ausgeschüttet in der Hütte der Tochter Zion.
5Der Herr ist gleich wie ein Feind; er hat vertilgt Israel; er hat vertilgt alle ihre Paläste und hat die Festen verderbt; er hat der Tochter Juda viel Klagens und Leides gemacht.
6Er hat sein Gezelt zerwühlt wie einen Garten und seine Wohnung verderbt; der HERR hat zu Zion Feiertag und Sabbat lassen vergessen und in seinem grimmigen Zorn König und Priester schänden lassen.
7Der Herr hat seinen Altar verworfen und sein Heiligtum entweiht; er hat die Mauern ihrer Paläste in des Feindes Hände gegeben, daß sie im Hause des Herrn geschrieen haben wie an einem Feiertag.
8Der HERR hat gedacht zu verderben die Mauer der Tochter Zion; er hat die Richtschnur darübergezogen und seine Hand nicht abgewendet, bis er sie vertilgte; die Zwinger stehen kläglich, und die Mauer liegt jämmerlich.
9Ihre Tore liegen tief in der Erde; er hat die Riegel zerbrochen und zunichte gemacht. Ihr König und ihre Fürsten sind unter den Heiden, wo sie das Gesetz nicht üben können und ihre Propheten kein Gesicht vom HERRN haben.
10Die Ältesten der Tochter Zion liegen auf der Erde und sind still; sie werfen Staub auf ihre Häupter und haben Säcke angezogen; die Jungfrauen von Jerusalem hängen ihr Häupter zur Erde.
11Ich habe schier meine Augen ausgeweint, daß mir mein Leib davon wehe tut; meine Leber ist auf die Erde ausgeschüttet über den Jammer der Tochter meines Volkes, da die Säuglinge und Unmündigen auf den Gassen in der Stadt verschmachteten,
12da sie so zu ihren Müttern sprachen: Wo ist Brot und Wein? da sie auf den Gassen in der Stadt verschmachteten wie die tödlich Verwundeten und in den Armen ihrer Mütter den Geist aufgaben.
13Ach du Tochter Jerusalem, wem soll ich dich vergleichen, und wofür soll ich dich rechnen? Du Jungfrau Tochter Zion, wem soll ich dich vergleichen, damit ich dich trösten möchte? Denn dein Schaden ist groß wie ein Meer; wer kann dich heilen?
14Deine Propheten haben dir lose und törichte Gesichte gepredigt und dir deine Missetat nicht geoffenbart, damit sie dein Gefängnis abgewandt hätten, sondern haben dir gepredigt lose Predigt, damit sie dich zum Lande hinaus predigten.
15Alle, die vorübergehen, klatschen mit den Händen, pfeifen dich an und schütteln den Kopf über die Tochter Jerusalem; Ist das die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste, der sich das ganze Land freut?
16Alle deine Feinde sperren ihr Maul auf wider dich, pfeifen dich an, blecken die Zähne und sprechen: He! wir haben sie vertilgt; das ist der Tag, den wir begehrt haben; wir haben's erlangt, wir haben's erlebt.
17Der HERR hat getan, was er vorhatte; er hat sein Wort erfüllt, das er längst zuvor geboten hat; er hat ohne Barmherzigkeit zerstört; er hat den Feind über dich erfreut und deiner Widersacher Horn erhöht.
18Ihr Herz schrie zum Herrn. O du Mauer der Tochter Zion, laß Tag und Nacht Tränen herabfließen wie einen Bach; höre nicht auf, und dein Augapfel lasse nicht ab.
19Stehe des Nachts auf und schreie; schütte dein Herz aus in der ersten Wache gegen den Herrn wie Wasser; hebe deine Hände gegen ihn auf um der Seelen willen deiner jungen Kinder, die vor Hunger verschmachten vorn an allen Gassen!
20HERR, schaue und siehe doch, wen du so verderbt hast! Sollen denn die Weiber ihres Leibes Frucht essen, die Kindlein, so man auf Händen trägt? Sollen denn Propheten und Priester in dem Heiligtum des Herrn erwürgt werden?
21Es lagen in den Gassen auf der Erde Knaben und Alte; meine Jungfrauen und Jünglinge sind durchs Schwert gefallen. Du hast erwürgt am Tage deines Zorns; du hast ohne Barmherzigkeit geschlachtet.
22Du hast meine Feinde umher gerufen wie auf einen Feiertag, daß niemand am Tage des Zorns des HERRN entronnen oder übriggeblieben ist. Die ich auf den Händen getragen und erzogen habe, die hat der Feind umgebracht.
Klagelieder 3
1Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muß.
2Er hat mich geführt und lassen gehen in die Finsternis und nicht in Licht.
3Er hat seine Hand gewendet wider mich und handelt gar anders mit mir für und für.
4Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.
5Er hat mich verbaut und mich mit Galle und Mühe umgeben.
6Er hat mich in Finsternis gelegt wie die, so längst tot sind.
7Er hat mich vermauert, daß ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt.
8Und wenn ich gleich schreie und rufe, so stopft er die Ohren zu vor meinem Gebet.
9Er hat meinen Weg vermauert mit Werkstücken und meinen Steig umgekehrt.
10Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen.
11Er läßt mich des Weges fehlen. Er hat mich zerstückt und zunichte gemacht.
12Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gesteckt.
13Er hat aus dem Köcher in meine Nieren schießen lassen.
14Ich bin ein Spott allem meinem Volk und täglich ihr Liedlein.
15Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.
16Er hat meine Zähne zu kleinen Stücken zerschlagen. Er wälzt mich in der Asche.
17Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich muß des Guten vergessen.
18Ich sprach: Mein Vermögen ist dahin und meine Hoffnung auf den HERRN.
19Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Galle getränkt bin!
20Du wirst ja daran gedenken; denn meine Seele sagt mir es.
21Das nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch.
22Die Güte des HERRN ist's, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25Denn der HERR ist freundlich dem, der auf sie harrt, und der Seele, die nach ihm fragt.
26Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
27Es ist ein köstlich Ding einem Mann, daß er das Joch in seiner Jugend trage;
28daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt,
29und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte
30und lasse sich auf die Backen schlagen und viel Schmach anlegen.
31Denn der Herr verstößt nicht ewiglich;
32sondern er betrübt wohl, und erbarmt sich wieder nach seiner Güte.
33Denn er nicht von Herzen die Menschen plagt und betrübt,
34als wollte er die Gefangenen auf Erden gar unter seine Füße zertreten
35und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugen lassen
36und eines Menschen Sache verkehren lassen, gleich als sähe es der Herr nicht.
37Wer darf denn sagen, daß solches geschehe ohne des Herrn Befehl
38und daß nicht Böses und Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten?
39Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde!
40Und laßt uns erforschen und prüfen unser Wesen und uns zum HERRN bekehren!
41Laßt uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel!
42Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen; darum hast du billig nicht verschont;
43sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt und ohne Barmherzigkeit erwürgt.
44Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, daß kein Gebet hindurch konnte.
45Du hast uns zu Kot und Unflat gemacht unter den Völkern.
46Alle unsre Feinde sperren ihr Maul auf wider uns.
47Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.
48Meine Augen rinnen mit Wasserbächen über den Jammer der Tochter meines Volks.
49Meine Augen fließen und können nicht ablassen; denn es ist kein Aufhören da,
50bis der HERR vom Himmel herabschaue uns sehe darein.
51Mein Auge frißt mir das Leben weg um die Töchter meiner Stadt.
52Meine Feinde haben mich gehetzt wie einen Vogel ohne Ursache;
53sie haben mein Leben in einer Grube fast umgebracht und Steine auf mich geworfen;
54sie haben mein Haupt mit Wasser überschüttet; da sprach ich: Nun bin ich gar dahin.
55Ich rief aber deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube,
56und du erhörtest meine Stimme: Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!
57Du nahest dich zu mir, wenn ich dich anrufe, und sprichst: Fürchte dich nicht!
58Du führest, Herr, die Sache meiner Seele und erlösest mein Leben.
59Du siehest, HERR, wie mir so Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht!
60Du siehst alle ihre Rache und alle ihre Gedanken wider mich.
61HERR, du hörest ihr Schmähen und alle ihre Gedanken über mich,
62die Lippen meiner Widersacher und ihr dichten wider mich täglich.
63Schaue doch, sie sitzen oder stehen auf, so singen sie von mir ein Liedlein.
64Vergilt ihnen, HERR, wie sie verdient haben!
65Laß ihnen das Herz erschrecken, laß sie deinen Fluch fühlen!
66Verfolge sie mit deinem Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des HERRN.
Übersetzung: Lutherbibel 1912